Nusshörnchen

»Kompanie stillgestanden!«
Friedhelm rammte seine Krallen in den Baumstamm und reckte seinen Puschelschwanz nach oben.
»Soldaten! Unser Kampf gegen die Untoten ist noch nicht vorbei. Wir brauchen mehr Munition! Auf dem Südfriedhof ist die Sache aus dem Ruder gelaufen und es hat einen Aufstand der Untoten gegeben, das darf uns hier nicht passieren! Die Menschen vertrauen auf uns!«
Friedhelm konnte sich kaum auf seinen Füßchen halten. Den ganzen Tag hatte er Nüsse gesammelt. Er ist immer wieder zu den Menschen hingelaufen, hat sich die Nüsse geschnappt und sie ins Lager gebracht. Dabei würde er sie viel lieber selber essen.
Er bekam seit Tagen nur eine halbe Nuss pro Tag zugeteilt, er hörte kaum, was die Kommandantin sagte. Aber er durfte nicht schwächeln. Er war ja schließlich ein Friedhofseichhörnchen und musste die Menschen vor sich selbst beschützen.
Der Himmel färbte sich langsam golden. Für Friedhelm hieß es: Gleich begann die heiße Phase.
Wenn die Menschen den Friedhof verließen und der Friedhofswächter nach seiner letzten Tour die großen Tore verschlossen hatte, durchsuchten sie alle Ecken des Friedhofs nach passenden Wurfgeschossen. Eicheln waren sehr gut, doch nichts ging über Nüsse. Sie waren schwerer, hatten eine bessere Form und passten viel besser in die Katapulte.
Friedhelm flitzte über den mit Blättern bedeckten Weg. Die Kommandantin hatte ihn sowieso auf dem Kieker, er durfte sich keinen Fehltritt mehr erlauben.
Er reckte sein Näschen in die Höhe, um die Nüsse besser riechen zu können. Doch nichts. Der Regen von letzter Nacht hatte alle Gerüche weggespült. Friedhelm musste seine Geheimwaffe auspacken. Er rannte zum großen hölzernen Bottich, dort gaben die Menschen ihre Tribute hinein, die den Eichhörnchen im Kampf gegen die Untoten helfen sollten. Friedhelm musste schnell sein, den der Friedhofswächter war auch scharf auf den Inhalt des Bottichs. Und dabei half er gar nicht mit, die Untoten zu vertreiben!
Friedhelm fragte sich manchmal, zu was dieser Wächter überhaupt nütze war. Vielleicht arbeitete er auch gegen sie? Vielleicht war ein Untoter, der sie zu sabotieren versuchte? Jedenfalls roch er schon so wie sie.
Präzise rammte Friedhelm seine Krallen in das morsche Holz und kletterte den Bottich hoch. Die Tribute fielen heute mager aus. Viele von diesen durchsichtigen Fliegedingern waren wieder drin, die die Menschen benutzten, um Sachen zu transportieren. Die Kommandantin hatte sie ausdrücklich davor gewarnt, ihnen näher zu kommen. Friedhelm hatte einige verwendet, um seinen Kogel schöner zu machen. Außerdem kam der Regen nicht durch, was ganz schön praktisch war.
Die Sonne versank hinter den Bäumen und Friedhelm fand es immer schwerer, Wurfgeschosse zu finden.
Fliegedinger, Fliegedinger, dann diese kleinen Bottiche, die Menschen verwendeten, um daraus zu trinken. Und dann diese durchsichtigen, hohlen Minibaumstämme. Zu was die auch immer gut sein sollten.
Die Menschen verstanden es einfach nicht, was nötig war, den Kampf gegen die Untoten zu gewinnen.
Plötzlich erreichte ein feiner Duft Friedhelms Näschen. Konnte das sein? Das war doch eindeutig Nussgeruch! Doch in dem ganzen Bottich konnte Friedhelm keine einzige Nuss erspähen. Wie konnte das nur sein?
Der Nussgeruch kam aus einem weiterem Fliegeding. Doch dieses Fliegeding war nicht durchsichtig und war auch nicht so leicht wie die anderen Fliegedinger. Es erinnerte viel mehr an diese Minibottiche. Doch einige Stellen waren durchsichtig und etwas braunes sah hervor.
Braun wie eine Nuss.
Bingo.
Friedhelm hatte einen Volltreffer gelandet.
Je näher er kam, desto intensiver wurde der Nussgeruch. Friedhelm sah die Nüsse schon förmlich vor sich. Die harte, braune Schale, die man erst knacken musste, um an sein deliziöses Inneres zu kommen. Der saftige Kern. Friedhelm lief das Wasser im Mund zusammen und er hielt einen Moment inne, um seine Krallen zu putzen.
So intensiv wie der Nussgeruch war, mussten das ganz schön viel Nüsse sein. Bestimmt war das ganze Fliegeding voll davon. Das reichte bestimmt an Munition für die ganze Nacht. Und am Ende blieb noch genug davon übrig, damit sich Friedhelm den Bauch vollschlagen konnte.
»Friedhelm«
Oh nein!
Bestimmt fragten sich die anderen Eichhörnchen schon, wo er steckte. Viel Zeit, das Fliegeding zu untersuchen blieb nicht. Kurzerhand packte er es mit seinen Zähnen und zerrte es aus dem Bottich.
Die anderen Eichhörnchen waren noch eifrig bei der Nusssuche. Er musste aufpassen, dass ihn die Kommandantin nicht entdeckte.
Er flitzte über die Wege zu seinem Kobel.
»Friedhelm«
Es war die Kommandantin. Schnell ließ er das Fliegeding hinter einen Grabstein fallen.
»Was machst du da? Du sollst doch Munition sammeln«
»Mache ich doch, geehrte Kommandantin«
Er hob seinen Puschelschwanz über das Fliegedings und hoffte, dass die Kommandantin nichts bemerkte.
»Ach ja, und was ist dann das hinter dir?«
Verdammt!
»Nur Munition«
»Sehr schön. Wieviel hast du schon gesammelt?«
»Ein ganzes Fliegedings voll.« Friedhelm reckte stolz seinen Schwanz. Vielleicht ließ ihn die Kommandantin gleich in Ruhe, dann konnte er zu seinem Kogel und seinen Schatz in Ruhe auspacken.
»Fliegedings? Ich habe euch doch schon tausendmal gesagt, dass ihr euch von denen fernhalten sollt. Fliegedinger sind gefährlich!«
Bedrohlich reckte sie ihre Krallen.
»Tut mir Leid, Friedhelm, aber ich muss das Fliegeding konfiszieren. Es ist zu deiner eigenen Sicherheit«
»Nein«, Friedhelm baute sich auf. Doch die Kommandantin war um einiges größer als er und schubste ihn um.
Mit ihren scharfen Krallen riss sie das Fliegedings in einem Rutsch auf.
»Das sieht mir nicht nach Munition aus«
Friedhelm traute seinen Augen kaum.
Vor seinem Auge lagen keine Nüsse.
Es war ein etwas, das aussah, wie der geschwungene Schwanz eines Eichhörnchens. Aber es war definitiv nicht so.
Vorsichtig pikste er das Ding mit einer Kralle an. Es war weich, aber nicht so weich wie Eichhörnchenfell oder dessen Schwanz. Und es roch definitiv nach Nüssen. Es war auch fast so braun wie Nüsse, doch es fehlte eindeutig die harte Schale.
»Das ist definitiv nicht als Munition geeignet«, stellte die Kommandantin fest. »Bring es wieder dahin zurück, wo du es herhast.«
Dann flitzte sie wieder, um weiter zu sammeln.
Doch Friedhelm dachte nicht daran. Kaum war die Kommandantin weg, packte er das geheimnisvolle Teilchen und schleppte es zu seinem Kobel. Das stellte sich ohne das Fliegedings schwerer als gedacht heraus. Das Teilchen war so weich, dass es in der Mitte zu zerbrechen drohte. Und der intensive Nussgeruch ließ Friedhelm das Wasser in seinem Mäulchen zusammenfließen. Das durchweichte das Ding natürlich noch mehr.
Er war froh, endlich zuhause angekommen zu sein. Es war dunkel und er sah kaum noch etwas. Jeden Moment mussten die Untoten wieder zum Leben erwachen. Er hüpfte über den Grabstein von Friedhelm Brunner, nach dem er benannt wurde. Wäre er kein Untoter, wäre er ein angenehmer Zeitgenosse. Er spannte seine Muskeln an, damit er zusammen mit dem leckeren Nussding so schnell wie möglich auf seinen Baum hinauf kam.
Doch da hörte er es schon verdächtig knacken.
Oh nein.
Hätte das nicht ein paar Minuten später passieren können?
Auf das Knacken folgten Grabegeräusche, dicht gefolgt von einem dumpfen »Gnnnnnnn«
Untoten-Friedhelm hatte seinen Sarg verlassen und versuchte sich nun aus dem Grab auszubuddeln.
Der Geruch verwesenden Fleisches übertönte den Geruch seines Nussteil, das schon verdächtig in seinem Mäulchen zitterte.
Überall in den Bäumen raschelte es. Die anderen Eichhörnchen flitzten von Baum zu Baum, unter ihnen die Untoten. Es hagelte Nüsse von allen Bäumen. Von allem außer seinem.
»Gnnnnn« Untoten-Friedhelm hatte sich nun komplett aus seinem Grab befreit und schlurchte auf seinen Baum zu. Friedhelm stieß sich mit seinen Hinterbeinen ab.
Schnell weg hier!
Da passierte es: Das Nussteilchen brach in der Mitte auseinander und fiel den Baum hinunter, direkt vor Untoten-Friedhelms Füße.
Neeeeeein!
Jetzt hatte Friedhelm alles verloren. Nicht nur das deliziöse Nussteilchen, er hatte auch überhaupt keine Nüsse, um Untoten-Friedhelm zu vertreiben.
Er hing wie angewurzelt am Baumstamm. Was sollte er jetzt nur tun?
Untoten-Friedhelm beugte sich zu dem Nussding hinunter und hob es auf. Er schnupperte kurz daran und biss herzhaft hinein, als wäre er ein Eichhörnchen und das Nussding eine waschechte Nuss.
»Hmmmmm…« Machte Untoten-Friedhelm. Sein Blick wechselte von ausdruckslos zu verträumt.
»Hmmmm… Nuss-höörn-chn«
Nusshörnchen? Friedhelm hatte auf der Eichhörnchenschule zwar menschisch als Hauptfach gehabt, doch von dem Wort »Nusshörnchen« hatte er noch nie etwas gehört. Eichhörnchen, klar. Nuss war auch klar. Aber Nusshörnchen?
Doch Untoten-Friedhelm schien das gar nicht zu stören. Er hatte sich vor seinen Baum gesetzt und kaute nun an dem geheimnisvollen Teil, anstatt wie üblich, an seinem Baum zu rütteln und sich gegen die fliegenden Nüsse zur Wehr zu setzen.
Als er alles verspeist hatte, stand er wieder auf und drehte sich zu Friedhelm, der immer noch fassungslos am Baumstamm hing.
»Dan-ke Eich-höörn-chn« Er hob etwas ungelenk seine Pfote und winkte sie hin und her. Dann kehrte er in sein Grab zurück.
»Was zum Teufel war denn das?« Die Kommandantin saß ein paar Meter höher im Baum und hatte anscheinend alles mitbekommen.
»Ich weiß es auch nicht. Aber wie es scheint, haben wir die Untoten total falsch eingeschätzt«
Er war ein wenig traurig über den Verlust seines Schatzes, aber immerhin war die Kommandantin ihm nicht mehr böse.
»Soldat Friedhelm! Ich gebe Ihnen hiermit eine neue Aufgabe. Finden Sie heraus, was es mit diesem merkwürdigem, gebogenem Ding auf sich hat und ob es diese Wirkung auch auf die anderen Untoten hat.«

Und wie es das hatte. Rückblickend hätte Friedhelm nie gedacht, dass so ein einfaches Gebäckstück so eine Wirkung auf die Untoten hatte. Doch bald sammelte Friedhelm nicht mehr Nüsse, um die Untoten zu bewerfen, sondern für seine Nusshörnchen, die in Kürze über die Friedhofsgrenze bekannt wurden. Und er hatte auch nie wieder einen leeren Bauch. Schließlich musste ein Nusshörnchenbäcker ja auch seine Nusshörnchen probieren. Nicht, dass sie schlecht wären. Denn das würde wirklich einen Aufstand der Untoten verursachen.