Ballett-Klischees (Teil 2)

So, nun der versprochene zweite Teil meiner Ballettklischeereihe. Ich freue mich, dass es euch so gefällt ^^ Die Ballettaufführung hat geklappt, ich habe mir kein Bein gebrochen und wir wurden sogar auf unsere Synchronität gelobt B-)

5. Primaballerina bei der ersten Aufführung

Endlich haben wir es geschafft! Unsere Protagonistin hat die Intrige der Zicke aufgedeckt und erhält zur Belohnung die Hauptrolle bei der anstehenden Aufführung.
Nachdem sie erst wenige Wochen dabei ist.
In den Büchern wird meistens nicht der Zeitraum gesagt, in der die Geschichte spielt. Aber wir zum Beispiel trainieren seit Weihnachten für die Aufführung. Und wir tanzen im Durchschnitt schon 10-20 Jahre Ballett. Klar, wenn man besonders ehrgeizig ist, kann man sich auch als Neuling innerhalb weniger Wochen in eine Choreo reinfuchsen. Aber gleich eine tragende Rolle ist eher unwahrscheinlich. Zudem ist es bei Hobbyballettschulen eher nicht üblich, ein zusammenhängendes Stück aufzuführen. Es ist eher so, dass jede Gruppe zu einem Lied einen Tanz tanzt und das Ganze dann unter einem Oberbegriff läuft, wie zum Beispiel »Weltreise« oder »Frühlingsgefühle«. Unsere Aufführung lief unter dem Thema »Big Emotions«.

6. Spagat, Flickflack und Rad

Wenn ich erzähle, dass ich Ballett mache, kommt sehr oft als allererste Frage: »Oh, dann kannst du einen Spagat?« (Und meine Antwort ist: Ja, aber nicht bis ganz unten, weil da irgendwie mein Knie im Weg ist … k.a. warum) Das Ding ist aber: Spagat ist gar keine offizielle Ballettübung oder Figur.
Man kann es ungefähr mit dem Hütchenlaufen beim Fußball vergleichen. Spagat ist einfach nur eine Dehnübung, mit denen man die Beinmuskeln trainiert. Laut Agrippina J. Waganowa werden sogar »…alle künstlichen und unnatürlichen Dehnübungen, wie sie gelegentlich an der Stange und im Freien geübt werden, für überflüssig…« gehalten (Quelle: Grundlagen des Klassischen Tanzes, Agrippina J. Waganowa, Henschel Verlag, Auflage 5 2014, Seite 178)
Genauso verhält es sich mit Flickflack und Rad. Viele Ballettänzerinnen können das einfach, weil sie mitunter auch wegen des Balletttanzes sehr gelenkig sind (ich nicht ^^). Aber es ist keine Ballettfigur.

Bonus Round: Ballett ist nur was für kleine Mädchen

Diesen Spruch lese ich eher selten in Kinderballettbüchern, da diese meist sowieso schon auf Mädchen ausgelegt sind. Doch ich bekomme ihn immer wieder zu hören, wenn ich von meinem Hobby spreche. Am prägnantesten blieb mir der Spruch von meiner ehemaligen Arbeitskollegin hängen.
Ich hatte versucht, Ballett von allen Facetten zu beleuchten, habe sogar erklärt, wie eine Unterrichtsstunde aufgebaut ist und von ihr kam nur: »Ich kann mir das trotzdem nicht vorstellen. Für mich ist Ballett nur was für kleine Mädchen, die so auf und ab hüpfen.«
Autsch.
Das hört man natürlich nicht gerne. Das ist genauso wie »Fußball sind 22 überbezahlte Kerle, die einem Ball hinterherrennen« oder »Standardtanz ist nur was für alte Leute«
Wir sollten aufhören, Leute dafür zu verurteilen, was sie in ihrer Freizeit machen. (Schließlich ist es ja IHRE Freizeit und nicht unsere ;-) )
Nicht lästern, lieber ausprobieren!
Ballett ist ein schöner Sport. Man trainiert den Körper ganzheitlich (Bauch-Beine-Po genauso wie Rücken und Arme), seine Musikalität und das Köpfchen (weil es verdammt anstrengend ist, sich eine 4-Minuten lange Bewegungsabfolge zu merken), was nicht nur für kleine Mädchen, sondern auch für Erwachsene (Männer und Frauen  und alles was sich nicht festlegen lässt). Und wenn dir Klassische Musik zu langweilig ist, kannst du auch Jazz oder Hip-Hop tanzen. Ballett vermittelt dir die Basics und Techniken dazu.
Wenn du magst, kannst du das Musikvideo von Sias Chandelier ansehen oder das, wo Sergei Polunin zu »Take me to Church« von Hozier tanzt (Ok, das ist vielleicht beides sehr Modern Dance. Aber die Basics dazu lernt man im Ballett). Die Videos vom Pacific Northwest Ballet finde ich auch immer super.
Na, bist du immer noch der Meinung, das Ballett für kleine Mädchen ist?