Roteuli

Es war einmal eine Euli, die hatte jedermann lieb. Sie hatte ganz rote Federn, deswegen wurde sie von allen Eulis in Saratoga »Roteuli« genannt. Eines Tages sagte Roteulis Mutter zu Roteuli. »Roteuli, gehe durch den gruseligen Wald zum Haus deiner Großmutter, um ihr eine Packung Chips zu geben. Aber pass auf. Der Wald ist gruselig. Dass du ja nicht vom Weg abkommst. Es gibt dort Bären und schreckliche Ungetüme, die dich und deine Chips essen wollen.«
Da bekam es Roteuli mit der Angst zu tun. Sie war den Weg zu ihrer Oma bisher immer über die Hauptstraße gegangen, doch jetzt war dort die große Baustelle für den neuen Chipshighway.
Unsicher sah Euli ihre Mutter an, doch diese lächelte ihr zu. »Das schaffst du schon. Komm nur nicht vom Weg ab. Gehe mit niemanden mit. Lass dich von niemandem ansprechen. Und immer schön lächeln.«
Das ermutigte Roteuli nicht wirklich. Dennoch nahm sie ein Weidenkörbchen, packte die Chips ein und machte sich auf den Weg.
Der Wald war tatsächlich dunkel und unheimlich. Die Bäume verdeckten das Licht, von den Büschen am Wegesrand kamen raschelnde Geräusche und bei jedem Schritt krachte das Laub unter ihren Krallen. Sie sah sich bei jedem Schritt um. Verfolgte sie etwa wer? War schon jemand hinter ihr her? Oder hatte es jemand auf ihre Chips abgesehen? Sie hob einen Ast vom Boden auf, um sich verteidigen zu können.
»Wer ist da?«, rief sie. Niemand antwortete und sie hörte nichts außer das gruselige Rascheln der Bäume. Und plötzlich roch sie etwas. Konnte das sein, mitten im Wald? Roch das nicht etwa nach frisch frittierten Chips? Roteuli konnte ihren Sinnen kaum trauen.
Sie folgte dem Duft und nach einigen Minuten sah sie eine Chipsbude, die mitten im Wald stand. Konnte das wahr sein oder sah sie da eine Fata Morgana?
Der Duft von frisch gebackenen Chips lockte sie zur Chipsbude und Roteuli holte sich eine Portion frischer Chips und verputzte sie gleich vor Ort und Stelle.
Doch dann sah sie, dass sie vom Weg abgekommen war und bei diesen Bäumen, die im Wald alle gleich aussahen, überhaupt nicht mehr wusste, wo sie war.
Daher fragte sie die Chipsbudenbesitzer nach dem Weg.
»Du bist Roteuli, nicht wahr?« Die Chipsbudeneuli sah sie mit ihrem fedrigen Gesicht an. »Ja, deine Großmutter kenne ich sehr gut. Es ist gar nicht mehr weit. Du musst nur durch diese Baumgruppe, vorbei am Wasserfall und dann bist du auch schon da«
Roteuli bedankte sich und machte sich auf den Weg. Doch dann erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter. Warum war sie vom Weg abgekommen, warum hatte sie den Chipsbudenbesitzer nach dem Weg gefragt? Was ist, wenn dieser sie jetzt verfolgte? Und ihr ihre Chips wegnahm? Sollte sie vielleicht einen Umweg laufen?
Sie schlug ein paar Bögen, lief zweimal um den Wasserfall herum und nahm dann den Weg, den ihr die Chipsbudenbesitzereuli beschrieben hatte.
Schließlich kam sie am Haus ihrer Großmutter an, die Tür war nur angelehnt.
Was war hier passiert?
Roteuli hörte, wie aus dem Schlafzimmer laute Schnarcher kamen. Tief und brummend. Vorsichtig näherte sie sich. Aus dem großen Himmelbett ihrer Großmutter lugte eine riesige Schlafmütze heraus. Und riesige Ohren. War das normal für Eulis?
»Großmutter, warum hast du so große Ohren?«, fragte Roteuli.
»Teddy«, kam es zurück mit einer ziemlich tiefen Stimme.
Roteuli war verwirrt. Was sagte ihre Großmutter da? Was war ein Teddy?
Sie versucht, sich an der Decke hochzuziehen und kann ein paar riesiger Augen erkennen. Die Augen ihrer Großmutter waren definitiv größer als ihre, aber doch nicht sooo groß.
»Großmutter, warum hast du so große Augen?«, fragte sie. Inzwischen kam ihr das Ganze ziemlich schräg vor.
»Teddy«
Die Großmutter richtete sich mit der Bettdecke und der Schlafmütze auf. Sie sah ziemlich seltsam aus. Ihr Schnabel … war irgendwie nicht aus Schnabel, sie hatte ziemlich komische Federn und Roteuli erinnerte sich, dass sie nie so hell waren.
»Großmutter …«, fragte sie zögerlich und machte einige Schritte nach hinten.
»Großmutter, warum hast du so einen großen Schnabel?«
Und bei diesen Worten richtete sich ihre Großmutter auf zur vollen Größe auf und Roteuli erkannte, dass es gar nicht ihre Großmutter war, sondern …
»TEDDY«
Ein riesengroßer Bär mit kolossalen Pranken, großem Kopf und einer lila Schleife um den Hals.
»Waaaaaaaah« Roteuli rannte um ihr Leben. Was hatte dieser Bär mit ihrer Großmutter angestellt? Bestimmt hatte er sie gefressen. Und all ihre Chips. Und jetzt wollte er auch sie und ihre Chips fressen. Sie musste hier weg!
Sie hatte kaum das Zimmer durchquert, als der Raum durch einen dumpfen Aufschlag erschüttert wurde. Der Bär war aus dem Bett gesprungen und war nun bestimmt hinter ihr her.
Roteuli musste sich beeilen. Sie musste hier raus, bevor der Bär bei ihr war.
Mit letzter Kraft erreichte Roteuli die Tür, die genau in diesem Moment aufgestoßen wurde.
»Roteuli? Was ist denn hier los?« Die Großmutter stand vor der Tür.
»Da … da … da ist … ein Bär«, keuchte Roteuli.
»Oh« Die Großmutter sah von Roteuli zu dem Bären, der noch ganz bedrohlich … neben dem Bett stand. »Das ist Teddy. Er ist zurzeit zu Besuch bei mir und hat ein kleines Mittagsschläfchen gehalten. Vielleicht hätte ich euch vorher Bescheid geben können, damit ihr euch nicht so erschreckt. Teddy ist ein ganz lieber«
»Teddy« Der Bär nickte bestätigend.
»Und … und er isst auch keinen kleinen Eulis die Chips weg? Oder kleine Eulis selbst?«, fragte Roteuli verwundert. Da hatte ihre Mutter etwas ganz anderes erzählt.
»Quatsch. Teddy ist Vegetarier. Und er würde nie jemandem etwas wegessen. Nicht wahr, Teddy?«
»Teddy« Teddy nickte wieder bestätigend.
Eigentlich sah er gar nicht so bedrohlich aus.
Roteuli musste lachen und erzählte ihrer Großmutter von ihren Ängsten und der Chipsbude im Wald.
Die Großmutter lachte »Das ist alles nur ein großes Vorurteil. Bären sind oft gar nicht so gefährlich, wie man denkt. Aber erzähl mir doch mehr über die Chipsbude im Wald.«
»Ich kann sie dir zeigen«, sagte Roteuli. Dann warf sie einen Blick auf den Bären.
»Möchtest du vielleicht auch mit, Teddy?«
Der Bär nickte wieder mit dem Kopf. »Teddy«
Und dann gingen sie alle zu der Chipsbude im Wald. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann essen sie noch heute Chips.

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